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Interview mit Dr. Morad Ghaemi

Lernen, das halb volle Glas zu sehen


Dr. Morad Ghaemi ist Psychiater - und einer von sechs Ärzten, die auf www.meinpsychiater.de Ratsuchenden psychologische Hilfe anbieten. Der 41-Jährige arbeitete jahrelang am Max-Planck-Institut für neurologische Forschung und an der Universitätsklinik in Köln. Seit fünf Jahren hat er eine eigene Praxis. Eines seiner Spezialgebiete: Depressionen.


Dr. Ghaemi, die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass Depressionen bis 2010 zur zweithäufigsten Erkrankung in den Industrienationen werden. Warum gibt es immer mehr depressive Menschen?
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der kaum noch Platz für Trauer und Zweifel ist. Wer einmal nicht so guter Dinge ist, sieht sich hohem Druck ausgesetzt, Probleme möglichst schnell hinter sich zu lassen und wieder zu funktionieren. Dem halten viele nicht stand, Depressionen sind die Folge. Hinzu kommt, dass wir in unserem Leben immer weniger Sicherheiten haben. Menschen verlieren zum Beispiel ihren Job oder den Partner leichter als früher. Daraus kann eine ständige Verlustangst entstehen - ein idealer Nährboden für Depressionen.


Jeder dritte Mensch leidet in seinem Leben zumindest vorübergehend unter einer depressiven Phase. Woran erkennt jemand, ob er betroffen ist?
Deutliches Merkmal ist eine extrem negative Einstellung gegenüber drei Dingen: sich selbst, der Zukunft und seiner Umwelt. Nichts macht mehr Spaß, der Betroffene ist niedergeschlagen, traurig und antriebslos. Häufig sind auch scheinbar unerklärliche körperliche Beschwerden Anzeichen für eine Depression. Zum Beispiel Schlafstörungen, Herzrasen, Bauch- oder Rückenschmerzen, Verlust oder Zunahme von Gewicht.


Verläuft die Krankheit bei jedem gleich?
Nein. Es gibt viele Formen von Depressionen. Bei einigen Menschen treten sie als kurze Episode auf, bei anderen halten sie länger an. Es kann ein konkreter Anlass vorliegen, beispielsweise der Tod eines nahen Menschen, eine Scheidung oder eine schwere Krankheit wie Krebs. Oder jemand fällt ohne offensichtlichen Grund in ein Loch. Auch die Schwere der Depressionen ist von Patient zu Patient verschieden. Am üblichsten ist eine leichte depressive Phase, die schnell wieder abklingt - wenn der Betroffene sie rechtzeitig erkennt und behandeln lässt.


Gerade das kann schwierig sein, schließlich hat jeder einmal ein Stimmungstief. Wo verläuft die Grenze zu einer ernsthaften Depression?
Schlecht drauf zu sein oder sich traurig zu fühlen ist zunächst eine völlig normale menschliche Regung. Vor allem bei Problemen im Privatleben oder Beruf. Bei einem Depressiven hält diese Stimmung allerdings an. Mehr noch: Er nimmt den äußeren Grund zum Anlass, sich selbst unangemessen stark infrage zu stellen. Die Gedanken kreisen nur noch um das eigene Versagen. Das kann bis hin zu Suizidgedanken gehen. Spätestens dann muss er zu einem Facharzt, um sich helfen zu lassen.


Ist nur unser soziales Umfeld daran schuld, dass Menschen an Depressionen erkranken?
Nein. Es spielen auch biologische Faktoren eine Rolle. Depressive leiden unter anderem an einem Serotoninmangel. Wird dieser Botenstoff im Gehirn nicht ausreichend produziert, haben wir zu wenige Glücksgefühle. Hormonelle Schwankungen können die Krankheit ebenfalls hervorrufen - deshalb sind Frauen in den Wechseljahren häufig betroffen. Doch das alleine lässt Depressionen nicht entstehen. Bei einem Patienten kommen meist individuelle Probleme hinzu. Ein Therapeut hilft dabei, herauszufinden, welche das sind.


Was erwartet einen Betroffenen bei der Therapie?
Die Behandlung von Depressionen beruht auf zwei Säulen: dem Einsatz von Medikamenten und Psychotherapie.


Medikamente - das klingt abschreckend. Sind sie immer nötig?
Nein. Bei leichten Fällen reichen therapeutische Gespräche häufig aus. Aber bei schweren Depressionen ist die Einnahme von Antidepressiva notwendig - besonders, wenn körperliche Symptome wie Schlafstörungen auftreten. Damit sich die Patienten stabilisieren und überhaupt in der Lage sind, ruhig über ihre Probleme zu sprechen. Antidepressiva machen übrigens nicht abhängig, im Gegensatz zu Tranquilizern, die wegen ihres Suchtpotenzials in Verruf geraten sind. Das Wichtigste sind aber die Gespräche in der eigentlichen Psychotherapie.


Und was passiert in den Gesprächen?
Das hängt von Arzt und Patient ab. In Deutschland sind grundsätzlich zwei Behandlungsmethoden als Kassenleistung anerkannt: die Verhaltenstherapie und die tiefenpsychologisch orientierte Therapie. Bei der Verhaltenstherapie lernt der Depressive, aus negativen Denkmustern auszubrechen. Ziel ist es, eine positive Einstellung zu sich selbst und zum Leben aufzubauen. Um ein einfaches Beispiel zu nennen: Das Glas ist halb voll und nicht halb leer. Zweck der Tiefenpsychologie ist es, Probleme in der Vergangenheit des Patienten aufzuspüren, die die Depressionen ausgelöst haben. Die Gespräche mit dem Therapeuten helfen dabei, sie im Nachhinein zu verarbeiten.


Braucht ein Patient nicht beides, um sich von seinen Depressionen befreien zu können?
Verhaltenstherapie und tiefenpsychologisch orientierte Therapie schließen sich nicht aus: Ein guter Therapeut verwendet beides, um dem Patienten möglichst umfassend zu helfen.


Häufig sind Patienten mit ihrer Behandlung unzufrieden. Experten schätzen, dass fast jeder Zweite im Laufe seiner Krankengeschichte den Therapeuten wechselt. Woran erkennt ein Betroffener, ob er in guten Händen ist?
Ein guter Therapeut ist immer offen für Fragen. Er erklärt seinem Patienten, was er macht und warum. Und er nimmt Anregungen oder Kritik an, wenn seine Therapie keine Wirkung zeigt. Allerdings sollte niemand Wunder erwarten. Die Behandlung einer Depression kann sechs Wochen bis sechs Monate dauern, in manchen Fällen noch länger.


Können Onlineangebote wie www.meinpsychiater.de depressiven Menschen überhaupt helfen?
Auf jeden Fall. Im Schnitt warten Patienten drei Monate auf einen Termin beim Therapeuten. Das ist besonders für diejenigen frustrierend, die sich nach langem Überlegen endlich dazu durchgerungen haben, etwas gegen ihre Krankheit zu unternehmen. Für sie sind wir eine erste Anlaufstelle. Bei uns können sich Betroffene über Krankheit und Behandlungsmöglichkeiten informieren, ganz anonym und unverbindlich. Den Arztbesuch ersetzen wir nicht. Aber der Patient geht besser vorbereitet in der Expertenrat.


Richtet sich Ihr Angebot nur an Patienten?
Nein. Auch Angehörige können sich an uns wenden. Gerade sie haben sonst kaum Möglichkeiten, sich bei Experten zu erkundigen und ihre Sorgen zu schildern. Wir helfen ihnen dabei, die Krankheit besser zu verstehen und mit dem Betroffenen richtig umzugehen. Denn Depressionen sind eine große Belastung - nicht nur für den Patienten, sondern auch für die Menschen, die ihm nahestehen.


Autor: Qualimedic.de 
Letzte Änderung am: 26.05.2008